In den letzten Monaten beschlich mich ein ungutes Gefühl: das Gefühl, dass der Graben immer grösser wird zwischen jenen, denen der Schutz unserer Umwelt nicht weit genug gehen kann, und jenen, die möglichst wenig davon hören möchten. Die einen konfrontieren uns mit immer länger werdenden Listen darüber, was alles geändert werden muss – bis hin zur Forderung nach einem kompletten Systemwandel, wenn es um die Bewältigung der Klimakrise geht. Den anderen ging sogar das neue CO2-Gesetz zu weit, das die Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern im vergangenen Juni abgelehnt haben.

Als Vertreter einer Umwelt-NGO gehöre ich naturgemäss der ersten Kategorie an. Aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse ist für mich klar, dass wir unsere Art und Weise, wie wir wirtschaften, fundamental ändern müssen. Damit liegt der Begriff «Systemwandel» nicht mehr weit weg. Doch er tönt radikal und löst Abwehrreflexe aus, nicht nur bei jenen «auf der anderen Seite des Grabens». Schaut man sich die Merkmale von Systemen genauer an, kommt man zu einem anderen Schluss: Niemand braucht Angst zu haben vor einem Systemwandel, und zwar aus folgenden Gründen nicht:

In welchem System leben wir? Begriffe wie «unser Wirtschaftssystem», «der Kapitalismus» oder «die Planwirtschaft» implizieren, dass wir in einem einzigen System leben. Das ist falsch. Wir leben in einer Vielzahl von Systemen und Teilsystemen, die ineinander übergehen und unterschiedlich ausgeprägt sind. Selbst in der Schweiz, die sich zur freien Marktwirtschaft bekennt, gibt es planwirtschaftliche Elemente. Man denke an das Gesundheitswesen oder an die Raumplanung.

Wie sind die Systeme entstanden und wie ändern sie sich? Unsere Systeme haben sich über Jahrhunderte herausgebildet und weiterentwickelt, manchmal zufällig, manchmal bewusst gesteuert durch die Menschen. Weder sind sie in sieben Tagen entstanden noch handelt es sich um Naturgesetze. Es liegt in unserer Hand, sie weiterzuentwickeln. Die Vorstellung, dabei einfach den Schalter umlegen zu können, wäre allerdings naiv. Aber man kann sie in die gewünschte Richtung lenken, indem man die Rahmenbedingungen ändert. Dazu braucht es eine Mehrheit, die dahintersteht, zumindest in demokratischen Systemen. Das wirkt einem radikalen Wandel entgegen.

Wer treibt den Systemwandel an? Viele Transformationsforscher gehen davon aus, dass Fortschritt und gesellschaftlicher Wandel von unten entstehen. Unternehmer, Forscherinnen, lokale Gemeinschaften oder einzelne Menschen generieren viele Ideen. Die meisten verschwinden wieder, einige setzen sich durch und verändern die Gesellschaft. Und die Rolle der Politik? Sie wirkt meist nachgelagert: Sie erklärt in der Regel nur das als verbindlich für alle, was sich bereits bewährt hat.

Stillstand ist Rückschritt – wer in einem Unternehmen arbeitet, bekommt dies oft zu hören. Dasselbe gilt auch für unsere Systeme: Nur wenn wir sie weiterentwickeln, werden wir die aktuellen Herausforderungen bewältigen können. Wie aber überwinden wir die Differenzen zwischen «Überzeugten» und «nicht Überzeugten»? Da helfen nur Gespräche über die Gräben hinweg, am besten bei einem Glas Bio-Wein.

Ion Karagounis WWF Schweiz, verantwortlich für neue Wirtschaftsmodelle; Publizist, www.karagounis.ch

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